• Dr. Mirjam Wagner

"Unterversorgt an Informationen" - Meine Perspektive

Meine Kollegin Ayurveda & Health - Dr. Janna Scharfenberg hat mich auf einen Artikel in der Printausgabe (16/20) der schweizer Zeitschrift Annabelle (@annabelle_mag) aufmerksam gemacht. Dort berichtet eine erfahrene Gynäkologin zu Hormonen, Sexualität und Verhütung und klärt mit Mythen in der Gynäkologie auf unter dem Titel „Unterversorgt - an Informationen“. Ich kann einige Punkte der Kollegin gut mitfühlen. Dennoch können die Kernaussagen des Artikels bei mir keinen Anklang finden. Diese lauten wie folgt:

Aussage zur Pilleneinnahme:

1. "Es nehmen immer weniger Frauen die Pille und ich bin schockiert, wie viele Junge nur mit Kondom verhüten." 🤷‍♀️ Aussagen zu unserer Generation von Frauen, die hinterfragen und meines Erachtens nach ihre Gesundheit selbstwirksam mitgestalten möchten:

2. "Lustig ist, dass die Kontrollmanie mit dem Verlangen gepaart ist, alles Bio und ganz natürlich haben zu wollen." 🙆🏼‍♀️ 3. "Man kann sich für den natürlichen Weg entscheiden. Das würde aber auch bedeuten bei Diabetes kein Insulin zu spritzen." 🙅‍♀️

Die Ärztin und Ayurvedaexpertin Dr. Janna Scharfenberg, die Gynäkologin Dr. Franziska Rudolph und ich möchten hierzu eine weitere Perspektive eröffnen. Wir möchten eine Lanze für die Frauen unserer Generation brechen und ein starkes Statement geben zur Zukunft unserer Medizin - einer ganzheitlichen Medizin mit informierten, selbstbestimmten Patient*innen.

Meine Meinung 💪🏻

Pille und Aufklärung.


Mein Anspruch ist es, an der Aufklärung von (jungen) Frauen zu arbeiten und nicht an der Rate der ausgestellten Pillenrezepte. Wer Sex hat, sollte gut aufgeklärt sein. Das heißt auch über die möglichen Konsequenzen Bescheid wissen - egal wie alt man ist. Schwangerschaft ist nur eine davon. Ich will nicht per se sagen, dass die Pille nicht für viele gerade in jungen Lebensjahren die passendste Verhütung ist. Jedoch fehlt es hier häufig ganz klar an umfänglicher Aufklärung. Eine Aufklärung, die dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entspricht und unter Umständen länger als 10 min oder sogar mehrere Termine benötigt. Digitale Medien können hier sowohl helfen, als auch Verwirrung stiften. Das kleine Zeitkontingent in der Praxis lässt kaum Raum für eine individuelle Beratung. Eine junge Frau, welche von uns Ärzt*innen als verantwortungsbewusst genug eingeschätzt wird, die Pille zu nehmen, sollte gleichermaßen eine informierte selbstbestimmte Entscheidung treffen, was die Wahl ihres Verhütungsmittels angeht, wie die reifere Frau. Eines ist sicherlich klar: Die eine optimale Verhütung, die 100 % sicher, ohne Risiken und super verträglich für jede Frau geeignet ist, gibt es leider (noch?) nicht.


Hormonfreien Verhütungsmethoden und natürlicher Familienplanung (NFP).


Fakt ist: Natürliche hormonfreie Verhütungsmethoden werden mehr und mehr von Frauen gewünscht. Dieses Thema wird nicht nur immer präsenter bei Frauen, glücklicherweise wird der Natürlichen Familienplanung (NFP) mittlerweile mehr Beachtung von Seiten der Wissenschaft geschenkt. Auch, wenn es leider deutlich weniger Forschungsgelder und Lobbyisten zu diesem Thema gibt. Gerade diesen Herbst hat der Deutschen Kongress für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) eine ganze Session zum Thema natürliche Verhütung/natürliche Familienplanung (NFP) angeboten.


Was sagt der Pearl-Index zur Verhütungssicherheit natürlicher Methoden?


Der Pearl-Index (PI) gibt die Sichrheit eines Verhütungsmittels an bzw. die Zahl der Schwangerschaften auf 100 Frauen unter Nutzung dieses Verhütungsmittels in einem Jahr. Je kleiner der PI ist, desto sicherer ist die Verhütungsmethode.

Profamilia zeigt auf ihrer Webseite (https://www.profamilia.de/themen/verhuetung/pearl-index.html) anschaulich in einer tollen Übersicht, dass man mit der natürlicher Familienplanung, kurz NFP, einen nahezu gleich guten PI wie mit der Pille erreichen kann (Info: NFP ist eine natürliche Verhütungsmethode, bei der der Zyklus über mehrere Monate beobachtet wird, sowie die Basaltemperatur und der Zervixschleim gemessen werden). Bei der symptothermale Methode mit Verzicht auf Sex an den fruchtbaren Tagen kann man einen PI von 0,4-1,8 erreichen. Zum Vergleich: PI Pille 0,1-0,9. Die symptothermalen Methode kann mit dem Kondom unterstützt werden für eine noch höhere Sicherheit. Profamilia bezieht sich übrigens in dieser Übersicht auf Daten, die bereits aus einer Leitlinie der DGGG von 2004 stammen. Diese Info ist also nichts Neues. Im Gegensatz zur Pille schützt das Kondom zusätzlich vor Geschlechtskrankheiten, was gerade bei wechselnden Partnern von Bedeutung ist. Unter Nutzung der Pille empfiehlt sich bei wechselnden Partner zusätzliche mit Kondom zu verhüten, was leider häufiger aufgrund des bereits bestehenden Verhütungsschutzes durch die Pille vergessen wird.


Ist die Pille zu hinterfragen eine Frage unserer Generation?


Ich selbst gehöre zu einer Generation, die mit 15 Jahren die Pille verschrieben bekommen hat. Meine Frauenärztin hat sie mir als einzig sicheres Verhütungsmittel angeboten, was außerdem gut gegen meine Akne hilft und meine Zyklusbeschwerden lindert. Das All-in-one Paket. Scheinbar alternativlos und ohne darüber weiter nachzudenken, habe ich - wie die meisten meiner Freundinnen - die Pille über ein Jahrzehnt lang eingenommen. Ich persönlich finde das bedenklich. Gerade in der Pubertät und bei den ersten Schritten als junge, selbstbestimmte Frau, in einer Phase des Entdeckens des eigenen Körpers und der Sexualität ist unser hormonelles Erleben dauerhaft von einer externen Hormoneinnahme reguliert. Viele Frauen - sogar die meisten, die ich kenne - beschreiben mir eine veränderte Empfindung zu ihrem Körper und zur Intensität ihrer Lust unter der Pilleneinnahme. Hier geht es also lange nicht mehr nur um die Gefahr der Thrombose, die wirklich recht gering ist sofern bei der Frau keine Risikofaktoren für Thrombose vorbestehen. Es geht vielmehr um das Erleben des eigenen Körpers, Selbstbestimmung und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ich möchte meine Patientinnen nicht entmündigen bei dieser Frage, sondern unterstützen ihren Weg zu finden. So wertneutral, wie möglich.


Die eigene Gesundheit verstehen und gestalten zu wollen, heißt nicht kontrollieren.


Gerade Frauen, die selbstbestimmt ihre Gesundheit mitgestalten möchten, werden gerne als „schwierige Patientinnen“ beschrieben. Sie wollen alles wissen, damit scheinbar alles kontrollieren und keine Empfehlung ohne diese selbst zu prüfen annehmen. Die eine oder andere Frage mag für uns Ärzt*Innen vielleicht im Alltag anstrengend sein, mehr Redezeit bedeuten oder uns inhaltlich fordern. Und genau das finde ich ganz wunderbar. Wir Frauen fangen an, die Verantwortung nicht mehr vor der Klinik- oder Praxistür abzugeben und nehmen unsere Gesundheit in die Hand. Diese Patientinnen können langfristig die Signale ihres Körpers besser einschätzen, wissen besser, wann sie zur Ärztin/zum Arzt gehen sollten und leben in der Regel gesünder. Modernere Zweige der Medizin wie die Mind Body Medizin befassen sich bereits genau mit solchen Fragestellungen.


Auch, wenn ich die ideologische Ablehnung von Medikamenten oder Eingriffen nicht befürworte, muss ich Patienten mit diesem Wunsch aufklären, Selbst- und Fremdgefährdung ausschließen und die Entscheidung der Patienten dann akzeptieren - eine ärztliche und menschliche Herausforderung für uns Ärzte.


Noch ein Wort zum Beispiel Diabetes und Insulin: Ich kenne zum Glück keine insulinpflichtigen Diabetiker, die das Insulin per se ablehnen. Ich sehe auch keinen Widerspruch zwischen dem Wunsch so natürlich wie möglich zu leben und der Insulintherapie bei Diabetikern. Diabetes ist allerdings ein tolles Beispiel dafür, wie man durch gesundheitsbewusstes Handeln sein Krankheitsbild selbst verbessern kann. Denn bei Diabetes Typ-2 und Gestationsdiabetes können Patient*Innen mit der Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten ihren Insulinbedarf senken und manchmal sogar die Injektionen überflüssig machen.


Hormontherapie in den Wechseljahren kann sinnvoll sein.


Zu Hormontherapie in den Wechseljahren finde ich es schade, dass von vielen Frauen hormonelle Unterstützung in dieser Zeit kategorisch abgelehnt werden. Hier herrscht ein meiner Meinung nach veraltetes Hormon-Bashing, was ich von medizinischer Seite nicht nachvollziehen kann. Gerade bei Osteoporose können Östrogene in den Wechseljahren beispielsweise sehr hilfreich sein. Auch der protektive kardiovaskuläre Effekt bei Frauen ohne Risiken ist durch Studien belegt. So zumindest der aktuelle wissenschaftliche Stand. Dennoch, auch hier möchte ich mich darauf zurück besinnen, dass unsere Patientinnen mündig sind und informierte Entscheidungen für sich selbst treffen können. Es obliegt nicht mir dies zu bewerten. Ich darf allerdings geduldig begleiten und fachlich korrekt und emphatisch beraten. Bei Wechseljahrsbeschwerden sowie hormonelle Schwankungen generell ist es immer ein wichtiger und hilfreicher Schritt die Lebensumstände zu beleuchten. Und das ist deutlich schwieriger, als ein Medikament einzunehmen. Allerdings nachhaltiger. Schritt zwei wäre die medikamentöse Unterstützung, gerne in Kombination mit der Selbstreflektion.


Ich hoffe, mit diesem Artikel meine Einstellung zur Verhütung und Hormontherapie gut dargelegt zu haben und eine andere Perspektiven zum Artikel "Unterversorgt - an Informationen" der Annabelle gegeben habe. Auch Dr. Franziska Rudolph hat ein Statement auf Instagram und ihrem Blog veröffentlicht. Unser gemeinsames Statement könnt ihr unter dem Profil von Dr. Janna Scharfenberg auf Instagram lesen.


Wissen macht stark. Deine Gesundheit. Deine Verantwortung.

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